Die Sonne schickte ihre Strahlen auf das dunkelbraune Wasser und ließ einen goldenen Glanz zurück. Eigentlich hätte all das beruhigend gewirkt, kündigte es doch die bevorstehende Schließung des Gartens an und somit den Feierabend. Sonst hatte Borowski es immer genossen, wenn der letzte Besucher den Zoo verlassen hatte. Aber jetzt störte ihn irgendetwas. Was nur? Er konnte seinen Blick nicht von dieser glatten, braunen Oberfläche wenden. Obwohl er sich doch schon darauf gefreut hatte, endlich mit seinem Freund über seine Sorgen reden zu können, stand er bewegungslos da. Die Uhr tickte weiter. Bald schon würde Lutz keine Zeit mehr haben, um sich mit ihm zu unterhalten. Doch sein Körper wollte ihm nicht gehorchen; wollte sich nicht vom Flusspferdbecken fortbewegen. Systematisch suchten seine Augen jetzt die Oberfläche ab. Da! Inmitten des, von Stroh durchtränkten Kots, schimmerte etwas Rotes auf. Borowski strengte seine Augen an. Versuchte zu erkennen, was es war. War es ein Tuch? Es sah jedenfalls aus der Entfernung so ähnlich aus. Borowski sah sich um. Um diese Zeit waren nicht mehr viele Besucher unterwegs. Seltsam, ging es ihm durch den Kopf, die Besucherzahl war überhaupt nicht zurückgegangen, seit die Tiere sich so apathisch zeigten. Im Gegenteil: Die Neugierde trieb gerade jetzt die Menschen in steigender Anzahl in den Zoo. Aber nun ging die Öffnungszeit stetig ihrem Ende entgegen. Borowski ließ seinen Blick den großen, breiten Weg entlang wandern. Aber niemand war mehr zu sehen. Auch gut. Borowski trat nahe an das Geländer der Freianlage. Plötzlich bewegte sich die Wasseroberfläche und ein paar prustende Nasenlöcher tauchten auf. Das braune Wasser spritzte. Knautschke der VI. brauchte wohl Sauerstoff. Jetzt schauten seine Nüstern, gefolgt von seinen wackelnden Ohren, aus dem Wasser. Nur Sekunden vergingen. Borowski entfuhr ein entsetzter Schrei. Halt suchend fassten seine Hände nach dem Geländer. Der gewaltige Flusspferdbulle hielt einen Schuh in seinem Maul. Wahrscheinlich hatte er sich mang den riesigen Hauern verfangen. Die Augen des Tieres blinzelten bösartig auf den verdatterten Mann. Borowski starrte auf den Schuh. Jetzt konnte er auch erkennen, dass der weiße Schnürsenkel sich tatsächlich um einen der Hauer geschlungen hatte. Die leichte Bewegung des Wassers ließ den Sportschuh jetzt gespenstisch um den Kopf des Bullen kreisen. Borowski rieb sich die Augen, starrte auf das Rote, das noch am Schuh haftete. Blut! Der Sportschuh war, trotz des schmutzigen Wassers noch voller Blut. Die kleinen Augen des Bullen blickten, unter den hervorstehenden Höckern, Borowski herausfordernd an. Es lag etwas ausgesprochen Böses in diesem Blick! Diesmal war sich Borowski sicher, dass er keiner Einbildung unterlag. Dies hier war die bittere Beweisführung seiner Angst! Ralf Borowski taumelte entsetzt zurück. Er brauchte einige Zeit um seinen Schock unter Kontrolle und seine Atemwege freizubekommen. Dann erst wirbelte er herum, viel gelenkiger, als man es ihm, aufgrund seiner Dickleibigkeit, zugetraut hätte und hastete dem Eingang des Flusspferdhauses entgegen. Ihm fiel ein, normaler weise müsste Schmidt jetzt mit dem Verteilen von Heu und Stroh beschäftigt sein. Erst danach würde er seine Tiere ins Innenbecken lassen. Von dort aus würden sie, nach ca. einer halben Stunde, in ihre Boxen trotten, wo bereits das Futter auf sie wartete. Dort verbrachten die Tiere dann auch die Nächte, ehe sie in der Frühe wieder in die Außenanlagen gelassen wurden. Kaum hatte Borowski das Haus betreten, schrie er aus Leibeskräften nach dem jungen Pfleger. Doch das Haus blieb still. Nur das leise Gebrumme der Zwergflusspferde durchschnitt die Stille. Nichts war vorbereitet. Kein Heu oder Stroh in den Boxen. Borowski schrie noch einige Male, dann gab er es auf. Er zückte sein Handy, mit dem man allerdings nur innerhalb des Gartens telefonieren konnte. Seine Blicke wanderten nervös über die Boxen der Zwerge. Ihm schien es, als wüssten sie, was passiert war. Der Mann musste sich wegdrehen, um nicht gleich wieder laut zu schreien. Endlich meldete sich das Büro.