Vor der Tür stand eine zierliche, schlanke Person, die ihre Haare unter einem schwarzen Kopftuch und das Gesicht hinter einer riesigen Sonnenbrille verbarg.

„Guten Tag. Was kann ich …?“

„Hallo Miko.“, fiel ihm die Frau ins Wort, ehe er seine Floskel zu Ende bringen konnte.

Die Frau setzte die Sonnenbrille ab und lüftete den Knoten, der ihr Kopftuch zusammenhielt. Im ersten Moment wusste Miko nicht, wo er dieses Gesicht schon einmal gesehen hatte. Aber dann kam langsam das Erkennen.

„Sam? Sam Tuenztei? Bist du das?“

Die Frau lächelte. „Keller. Samantha Keller. Ich habe geheiratet. Willst du mich nicht hereinbitten?“

Schnell trat Miko zur Seite. „Oh, entschuldige. Natürlich …!“

Sam Tuenztei und er hatten zusammen das Gustav-Stresemann-Gymnasium besucht. Aber danach hatten sich ihre Wege getrennt, denn sie hatte sich für eine andere Studienrichtung entschieden. Sam Tuenztei, was wollte sie jetzt hier? Es war ja nicht einmal nur wirklich lange her, dass sie sich gesehen hatten, sondern es war auch nicht so gewesen, dass sie die besten Freunde gewesen waren. Im Gegenteil, Sam war eher wie eine zickige Diva gewesen, die es sich nur äußerst selten hatte nehmen lassen, ihn, den armen Mitschüler, fertigzumachen. Dass er insgeheim einmal auf sie gestanden hatte, daran wollte er auf keinen Fall denken! Das Seltsamste aber war, dass sie einmal sogar zusammen im Bett gelandet waren. Das war kurz nach ihrem Abi passiert. Ja, Miko erinnerte sich. Ein Kumpel hatte eine Party gegeben und sie waren alle ziemlich betrunken gewesen. So hatte er die schöne Diva rumbekommen. Aber am nächsten Tag wollte sie wohl nichts mehr von ihm wissen; jedenfalls hatte Miko sie danach nur noch ein paar Mal aus der Ferne gesehen. Und nun stand sie vor ihm.  Beinahe hätte er gelacht.

Nun gut, er war gespannt. Sam hatte es sich, ohne dazu aufgefordert werden zu müssen, in dem einzigen bequemen Sessel, den sein Büro zu bieten hatte, bequem gemacht. Ihre roten Haare fielen in luftigen Wellen und glänzend über ihren Rücken. Wie auch schon damals war sie stark geschminkt, aber ohne dass man das stark zu sehr sah. Ihre langen schlanken Beine endeten in hochhackigen, schwarzen Pumps mit silbernen, mindestens 15 mm hohen Absätzen. Eigentlich sollte sie Model sein, ging es Miko durch den Kopf. Schon wieder musste er sich ein Lachen verkneifen; diesen Gedanken hatte er auch damals schon gehabt. Er wusste ja nicht einmal, ob sie diesen Weg nicht wirklich eingeschlagen hatte.

„Was verschafft mir die Ehre?“ fragte er nun doch nach.

Erst jetzt sah er, dass Sam die heutige Tageszeitung unter dem Arm getragen hatte. Jetzt knallte sie sie ihm auf den Tisch.

„Hier“ sagte sie nur.

Erstaunt sah Miko sie an. Was erwartete sie jetzt von ihm? Vielleicht, dass diese Geste schon ausreichte, um ihm ihren Wunsch mitzuteilen? Lächerlich. Dennoch griff er nach der hingeknallten Zeitung und warf einen Blick auf die Schlagzeile. Seine Augenbrauen wanderten nach oben.

Die Titelseite berichtete von einem Mord, der an Grausamkeit wohl kaum zu überbieten war. Eine junge Frau war bestialisch abgestochen worden. Man hatte ihr zwei, wie Stricknadeln aussehende, lange Nadeln, in den unteren Bauchteil gesteckt. Die Nadeln überkreuzten sich am Ende.